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Eigentlich ein ganz
normales Doppeldorf. Zicherie und Böckwitz. Gerade einmal 500
Einwohner zusammen, idyllisch, bäuerlich. Ein Ort, wo der Hund
sprichwörtlich begraben liegt. 30 Kilometer nördlich von Wolfsburg.
Doch dieses Kaff hat
Geschichte geschrieben – als sogenanntes Klein-Berlin, durch das
Zonengrenze und Mauer gingen. Ein Dorf als deutsch-deutscher
Mikrokosmos. Böckwitz im Osten, Zicherie im Westen. Dazwischen Mauer,
Todesstreifen, Selbstschussanlagen, Wachtürme, Minen.
Eine Grenze durch
Familien
Die Grenze trennte
sogar Töchter von ihren Müttern. So sah eine Braut im Westen ihre
Mutter nur über den Stacheldraht im Osten. "Die haben so bitterlich
geweint beide, die Braut, die Mutter, die Tanten, die Hochzeitsgäste
hatten Tränen in den Augen und wir standen da ja als Unbeteiligte und
haben einfach mitgeweint. Es war so erschütternd und mir geht immer
noch die Gänsehaut, wenn ich an diese Bilder denke. Und dann hat auch
die Braut versucht, ihrer Mutter Bonbons rüberzuschmeißen und die sind
direkt ins Niemandsland gelandet und die Mutter durfte nicht ran und
sich das wenigstens holen, was ihre Tochter ihr rübergeschmissen hat.
Nicht einmal das durfte sie“, erinnert sich Beate Meyer.
Solche und viele
andere Geschichten dieses geteilten Dorfes erzählt jetzt der
Journalist Heinrich Thies. "Weit ist der Weg nach Zicherie“. Die
leidvolle Chronik einer Trennung, die erst ganz harmlos anfing.
Thies: "Es gab eine Gaststätte, die stand quasi genau auf der Grenze.
Wenn man der Theke saß, saß man im Osten, also in der DDR und wenn man
im Hof aus Klo ging, dann war man quasi im Westen und da gab es so
einen Schuppen, der wurde quasi zum Einlasstor in den Westen, zum
Durchschlupfloch und entsprechend wurde die Kneipe dann irgendwann
abgerissen.“
Die Einwohner
überlisteten die Grenzsoldaten
Am Anfang spaltete
nur ein Schlagbaum die beiden Dörfer und viele Familien. Zuerst
patrouillierten noch die Sowjets zwischen beiden Seiten. Es bürgerte
sich ein, dass sich die Dorfbewohner Sonntagnachmittags am Schlagbaum
trafen, um Neuigkeiten auszutauschen. So blieben sie noch in Kontakt.
Und oft überlisteten sie die Grenzsoldaten. Deutschland – für die
Menschen hier unteilbar.
Beate Meyer erzählt von damals: "So kamen dann an diesen Schlagbaum in
Böckwitz... an diesen Schlagbaum in Zicherie kamen auch die Leute aus
dem Hinterland, um ihre Verwandten zu sehen, um mit den Verwandten zu
sprechen. Und die Kinder, wie auch ich, kamen mit kleinen Sachen
unterm Röckchen angebunden. Da liefen wir dann hin und her. Unsere
Eltern konnten es hier kaufen, im Osten gab es das nicht. Und so haben
wir auch ein bisschen geschmuggelt als Kinder.“
Ein Grenzmuseum im
Osten, in Böckwitz, zeugt von der Geschichte des Doppel-Dorfes. Der
Leiter, Willi Schütte, wuchs hier auf: "Bei den Russen, wenn man da
gesagt hat, komm ich will mal rüber, na ja, wir Kinder durften
sowieso, wir durften bei den Russen rüberlaufen oder die Erwachsenen,
die haben eine Flasche Schluck mitgenommen und dann sagte der Russe:
'da vai, da vai'. Aber der Deutsche hat nachher schon ein bisschen
kürzeren Prozess gemacht. Der hat gesagt: 'Gibts nicht.'“
Im Osten wurden
viele Großbauern enteignet und umgesiedelt. Die Nachbarn in Zicherie
solidarisierten sich, protestierten an der Grenze. Selbst nach dem
Mauerbau ’79 hielt man zusammen – so weit es ging.
"Und wenn Schützenfest gefeiert wurde, dann marschierte der
Spielmannszug immer unmittelbar an der Grenze entlang und spielte
besonders laut in der Hoffnung, dass sie Brüder und Schwestern auf der
anderen Seite in Böckwitz etwas mitbekommen und sich auch freuen und
mitfeiern. Und mir wurde auch erzählt, dass auch die Fenster
aufgemacht wurden und die Leute zumindest akustisch teilhatten an dem
Fest auf der anderen Seite“, so der Autor.
Die Trennung hat Spuren
hinterlassen
Am 18. November '89
war es dann soweit. Die Mauer fiel – neun Tage später als in Berlin.
Man war wieder ein Dorf. Schon Tage vorher warteten die Menschen
beiderseits der Mauer darauf, ihre Nachbarn endlich wiederzusehen.
Thies: "Die Zicherier waren natürlich ganz ungeduldig, die konnten es
gar nicht abwarten, das endlich wieder die alte Verbindung hergestellt
wird, die haben geschrieen an der Straße: "Viertelstunde Böckwitz!
Viertelstunde Böckwitz! Viertelstunde Böckwitz!“ Bis ihnen endlich
dieser Wunsch gewährt wurde, es war dann sogar eine halbe Stunde am
Vorabend der eigentlichen Grenzöffnung. Es war ein einziges Fest, ein
einziger Freudentaumel, das kann man sich wahrscheinlich heute gar
nicht mehr vorstellen.“
Seit nun fast 20
Jahren ist die deutsche Teilung Vergangenheit. Aber sie hat Spuren
hinterlassen. Ein Volk sind die Deutschen noch lange nicht – auch
nicht in Böckwitz und Zicherie. "Hinzu kam vielleicht auch, dass sich
die Menschen doch mehr voneinander entfremdet hatten als sie es sich
zunächst eingestehen wollten. Man war schon in ganz unterschiedlichen
Systemen groß geworden. Und das war nicht nur äußerlich, sondern das
betraf eben auch Herz und Kopf. Das betraf die ganze Seele“, meint
Thies.
"Weit
ist der Weg nach Zicherie“: Ein Mikrokosmos deutscher Geschichte.

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